Sie nennen sich „Mensch“

Geschichte

von Marianne Mohatschek 147 mal angesehen

Vor fast 1000 Jahren hat das Volk der Roma seine Reise nach Europa angetreten. Eines sind sie dabei bis heute nicht losgeworden: Noch immer leben sie in vielen europäischen Ländern aufgrund tief verwurzelter Vorurteile am Rande der Gesellschaft.

Als Sklaven nach Europa

Ihre Heimat ist das ferne indische Punjab, eine Region im nordwestlichen Indien und östlichen Pakistan. Im 9. und 10. Jahrhundert wurden sie von den Arabern während der Eroberungsfeldzüge verschleppt und als Soldaten gegen die oströmischen Legionen in die Schlacht geschickt. Im 11. Jahrhundert wurden weitere Hunderttausende von den Moslems als Gefangene auf den Balkan gebracht und als Sklaven nach Griechenland, Rumänien, Serbien, Transsylvanien und in die Walachei verkauft. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts ließen sie sich im gesamten europäischen Raum nieder.

Sonderrechte wegen der Musik

Nicht nur wegen ihrer Musik, die den Adel begeisterte, wurden den Roma Sonderrechte zugesprochen. Im Laufe der Jahrhunderte erkannten die Europäer ihre handwerklichen Fähigkeiten, insbesondere bei Kunstschmiede- und Goldarbeiten, im Geigen- und Musikinstrumentenbau und bei der Waffenherstellung. Brachten ihnen diese Sonderrechte zunächst Anerkennung, so zogen sie bald den Neid der einheimischen Handwerker auf sich. In dieser Zeit des politischen und sozialen Umbruchs der spätmittelalterlichen Gesellschaft zur frühen Neuzeit wurden die Roma zunehmend unterdrückt und verfolgt. Die Zünfte untersagten ihnen die Ausübung ihres Handwerkes, sie wurden aus zahlreichen Gebieten und Regionen vertrieben und man nahm ihnen ihr Hab und Gut weg. Diese Verfolgungen griffen in ganz Europa um sich. Die Roma wurden gefangen genommen, vertrieben, erschlagen und hingerichtet. Sie zogen von Ort zu Ort und lebten zurückgezogen in entlegenen Gegenden und Wäldern. Jeder Jugendliche musste ein Handwerk lernen und viele zogen später herum, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Mythos von den "Zigeunern, die Kinder stehlen"

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurde immer wieder versucht, die Roma sesshaft zu machen um ihre Identität zu zerstören. Dies scheiterte am Widerstand dieser Volksgruppe, die ihre Eigenständigkeit nie aufgeben wollte. Im Zuge von Zwangsdeportationen wurden viele Kinder ihren Eltern weggenommen, damit sich diese nicht an das „Zigeunerleben“ gewöhnten. Damals entstand auch der Mythos von den „Zigeunern, die Kinder stehlen“. Doch sie nahmen nicht die Kinder der Einheimischen mit, sondern wollten ihre eigenen zurückholen.

Glück im Westen

Mitte des 19. Jahrhunderts verließen viele Roma den Balkan und versuchten ihr Glück im Westen. Die neu entstandene Industriegesellschaft brauchte Arbeitskräfte und lockte mit Auskommen und Unterhalt.

Doch in Europa wurden sie seit ihrer Ankunft verfolgt. Alleine unter den Rassengesetzen der NS-Zeit starben über 500.000. Heute leben etwa 10 Millionen Roma in Europa. Die meisten in Osteuropa, doch sie verteilen sich über den ganzen Kontinent. Während einige Gruppen total integriert sind, leben andere vielerorts nach wie vor am Rande der Gesellschaft unter diskriminierenden Bedingungen. Dabei wollen sie vor allem eines: Behandelt werden wie ein Rrom, was in ihrer Sprache nichts anderes bedeutet als „Mensch“.